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Essays

Vereinbarungsethik

Gedanken zu einem hessischen Kannibalismusfall. Von Thomas H.

DRUCKVERSION (Schwarzer Text auf weißem Grund)


Kapitelübersicht:

•Die Medienstory und ihre Wandlungen
•Wiederholbarkeit und Wachstum als Gebote
von Lusterleben und Menschenwürde

•Das Leben: sinnliche Chance und ethischer Imperativ
•Resignation, Verrat und Sensation


Die Medienstory und ihre Wandlungen

Eine gute Woche lang servierten die Medien im Dezember die scheinbare Erfüllung eines Kannibalenmärchens zur Adventszeit: Wunschgemäß und einvernehmlich habe ein 42-jähriger Ex-Oberfeldwebel aus Hessen bei sich daheim einen 41-jährigen Berliner Schwulen geschlachtet und verspeist. Und als Abschiedsvorspeise sollen sich die beiden noch das Genital des Spenders gegönnt haben — blanchiert — bevor man sich zur kannibalischen Verschmelzung vom Leben des Opfers trennte.

Doch es traten Tatsachen hinzu, die enthüllten, daß es so einträchtig dann doch im hessischen Schlachtraum nicht zugegangen sein kann: Beim ersten Schlachtungsanlauf wirft das Opfer trotz Tabletteneinnahme das Handtuch — und der Schlächter bricht ab. Die ach so unbändige Schmerzlust, die nach Berliner Boulevardkolportagen das Opfer so machtvoll umgetrieben haben soll, vermochte real nicht, die Schlachtungstat opferseitig nach ausgemalter Kannibalenart mitzutragen. Die real vorspürbaren Umstände seiner Speisewerdung schrecken den wohl etwas leichtfertig als schmerzgeil und schlachtungsversessen apostrophierten Berliner Schwulen zu einem Verlangen nach Abbruch der Veranstaltung. Und so geschieht es.

Ein Mann, der seinen Opferphantasien nicht hat gerecht werden können, und ein Mann, dessen Appetit deswegen ungestillt geblieben war, fahren zurück zum hessischen Bahnhof. Dort wird dann eine Rückfahrkarte gekauft und — weitere Schlaftabletten. Die Rückfahrkarte verfällt; die Schlaftabletten nicht.

Statt in die Großstadt Berlin führt die Rückfahrt wieder in das Schlachthaus des hungrigen Hessens. Nach Aufstockung der Tablettendosis soll dann die Genitalamputation vollzogen worden sein, so daß ein betäubtes Delirium und ein Rausch von Blutverlust an der Wiege des Wunsches nach jener Nacht des einsamen Sterbens stand, nach welcher der Berliner sodann verlangt haben soll. So weit die letzte Presseversion vom Ermittlungsstand des Tatherganges. Weitere Wendungen nicht ausgeschlossen.

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Wiederholbarkeit und Wachstum als Gebote
von Lusterleben und Menschenwürde

Um „Tötung auf Verlangen“ (fünf Jahre) oder „Lustmord“ (lebenslang) dürfte sich jetzt wohl der juristische Falldisput drehen. Doch derweil gerät das gesellschaftliche Ansehen von sexueller Selbstbestimmung und sozialer Vereinbarungsethik in Internetforen und Chats, bei Diskussionen und Interviews öffentlich in Bedrängnis — oder ins Abseits.

Hierzu ist im Interesse der Wahrung persönlicher Vereinbarungsfreiheit und der Selbstbestimmbarkeit von individuellen Lebensentwürfen folgendes mal zum Thema safe, sane and consensual zu bemerken:

Erwachsene sollten frei sein, sich zu jedweden intimen Handlungen miteinander zu verabreden, soweit die Personen a) sowohl bei der Verabredung als auch bei der Umsetzung des Verabredeten voll geschäftsfähig sind (und d.h. auch nüchtern sind), b) Fremdschädigungen dabei gegenstandslos sind und bleiben und c) der Gegenstand des Verabredeten für alle Beteiligten wiederholbar bleibt.

An der Maxime der Wiederholbarkeit hat aus vereinbarungsethischer Sicht jede Vereinbarungsfreiheit zu enden. Warum? Ganz einfach: weil man sich darüber, wie sich ein Kopfkick real anfühlt, irren kann. Meines Erachtens ist genau das in dem hessischen Kannibalismusfall passiert und das Ganze war keineswegs ein „ultimatives Spiel“, sondern ein Desaster der persönlichen Selbstbestimmung und eine Katastrophe für die menschliche Würde.

Ein Kopfkick mag sich in der Phantasie Gott weiß wie anfühlen. Es ist jedoch eine Sache der Würde, nicht einfach das soziale Los irgendeiner Kopfkick-Phantasierolle teilen zu müssen. Es gibt Kopfkicks, die von schweren Schädigungen und Zerstörungen handeln. Doch auch für die härtesten Kopfkicks gilt, daß sie irgendwann mal zugunsten der Lust auf eine schmackhafte Mahlzeit, ein gutes Buch, ein Stück Musik oder auch selbst die Sportschau vorläufig erschöpfend ausphantasiert sind. Genauso wie nach einem „erschöpfend durchphantasierten“ Kick Kopf und Körper wieder frei und bereit für andere Gelüste, Hobbies, Macken und Bestrebungen sein sollten, sollte es sich auch nach jedem Durchspielen eines Kicks verhalten.

Unsere Kritiker sprechen davon, daß wir an „Wiederholungszwängen“ litten“. Das ist zwar etwas unfreundlich formuliert aber nicht ganz falsch: Ein sadomasochistisches Verlangen verlangt recht zuverlässig nach Stillung, ist dann auch mal etwas gestillt und meldet sich nach einiger Zeit zurück. Unsere safe, sane and consensual-Vereinbarungsethik paßt zu einem zyklischen Muster von intimem Verlangen. Im Idealfall entspricht der Zyklizität eines Verlangens eine Zyklizität von Spielen in Beziehungen und Begegnungen (oder meinetwegen „Eruptionen“ bei „24/7“-Beziehungen).

Unabhängig von seinem Phantasieinhalt unterliegt jeder Kopfkick einem zyklischen Kontinuitätsmuster von Verlangen, Stillung, Erschöpfung und neu erwachendem Verlagen. Kein Kopfkick funktioniert de facto „ultimativ“, egal wie ultimativ seine Kopfkinohandlung ist. Und weil das so ist, haben auch alle Spielenden die Bedingungen der Wiederholbarkeit ihres Spiels gefälligst zu achten.

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Das Leben: sinnliche Chance
und ethischer Imperativ

Um es pointiert zu sagen: Auch wer auf Tötungsphantasien steht, kann, wenn er tot ist, nicht mehr seine Tötungsphantasien durchspielen. Wer sich in einem erotisch gemeinten Treiben töten läßt, bekommt real mehr als ihm lustbesetzt logisch vorschweben konnte. Denn Gegenstand eines Verlangens kann nicht der endgültige Wegfall eben auch dieses Verlangens sein. Sollte ein Verlangen Erlebnisinhalte, die nach einem tatsächlichen Ableben statthaben sollen, zum Gegenstand haben, haben wir es nicht mit einer Ausprägung von Sexualität zu tun sondern mit einer außergewöhnlich gewagten Jenseitsspekulation, einer spirituellen Sehnsucht. Auf eine solche Gestimmtheit paßt unsere Vereinbarungsethik nicht und wir sollten uns gegen alle Vereinnahmungsversuche verwahren.

Neben ihrem Eigenwert hat die Wiederholbarkeit als Eigenschaft der vielen Varianten des Lustverlangens noch den Sinn, daß man intim und erotisch auch lernen, wachsen, korrigieren und reifen kann und nicht einfach davon auszugehen braucht, daß ein bestimmter Kopfkick ewig und zu hundert Prozent einfach in die soziale Wirklichkeit umgesetzt werden will. Viele finden z. B. die Vorstellung von Spanking geil, können aber dem Schmerz nichts abgewinnen; die brauchen dann halt einen komplementären Spielpart, bei dem es sich analog verhält und nicht etwa eine Dröhnung Schmerzmittel zum Nichtkick.

Unsere Möglichkeiten zu wahren, sich zu verändern, sich neu, besser, klüger oder gewandelt zu erkennen, ist auch Bestandteil von menschlicher Würde, der wir uns, wie ich meine, auch ethisch und intellektuell durchaus verpflichtet fühlen sollten.

Wer sich wegen eines Kicks umbringen läßt, frevelt an seinen Möglichkeiten als Mensch. Wer, wie auch immer, von fremder Hand umkommen will, wird dafür auf dem Pfad der Vereinbarungsethik keinen Partner finden; wenn er jemanden (woanders) findet, so wird es kein Gefährte sein, sondern ein Spielmacher seiner Jenseitsspekulation oder ein Komplize seiner Verzweiflung. All das ist nicht unser Thema als sadomasochistische Subkultur mit unserer zuverlässigen Freude an unseren lustvollen „Wiederholungszwängen“.

„Tötung auf Verlangen“ gibt es im Kontext von nicht linderbarer Not und unabwendbarem Elend. Und die Frage, durch welche Spielhandlungen ich einen ausgefallenen Kopfkick stimuliert bekomme, ist ein Kreativitätsproblem und kein Thema von Not oder Elend in dem Sinne, wie es eine Tötung auf Verlangen begründen könnte.

„Positiv besetzte ultimative Sehnsüchte“ gibt es in emotionalen Sondersituationen, wie z.B. beim „gang-up-suicide“, bei dem sich jährlich Dutzende Liebende in dem Gefühl umbringen, daß es schöner nicht mehr werden kann. Das ist dann echte Tragik und wenn man von denen welche retten kann, kann man sicher sein, daß sie einem ein paar Monate später dafür dankbar sind (sie können sich natürlich melancholisch neu verknallen und wieder sterben wollen; aber das bleibt veranlassungsgebunden und hat nichts mit unseren Begehrenszyklen zu tun).

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Resignation, Verrat und Sensation

Der hessische Fall ist nicht der „erschreckende Kannibalismusfall“, über den öffentlich diskutiert wird. Keine Schmerzlust und kein Kannibalenkick beglückten das Opfer bei seinem Weg in den Tod. Betäubt von Medikamenten und geschwächt von Blutverlust schrumpften die faszinierte Phantasie und der verzweifelte Wille des Berliner Schwulen zu dem kleinlauten Wunsch, man möge ihn „allein und unter Einfluß der Medikamente sterben“ lassen, „bevor die geplante Schlachtung im eigens dafür hergerichteten Schlachtraum auf dem Dachboden stattfinden sollte“ (DER SPIEGEL 52/02, S. 50). Sein Metzger, ein Herr Oberfeldwebel der Reserve hätte schon aus den Erkenntnisgelegenheiten dieser Karriererichtung wissen müssen, in welchem Zustand ein Mensch noch was wollen kann. Niemals hätte er sich auf eine Betäubung seines Partners einlassen dürfen, niemals hätte er die Betäubung seines Partners ignorieren dürfen; nichts hätte er auf Willensbekundungen geben dürfen, die zu ihrer Verwirklichung Betäubungen verlangten. Niemals hätte der „Schlächter“ das einsame Sterben des bereits schwer versehrten Opfers zulassen dürfen.

Wenn die bekannt gewordenen Fakten stimmen und es bei ihnen auch im großen und ganzen bleibt, dann war dieser hessische Tod eines Berliner Schwulen auch keineswegs ein „Lustmord“ sondern eine feige niederträchtig kalkulierende Abwendung von einem Menschen, der sich ihm zutiefst irrend zutiefst anvertraut hat. Er hat ihn elend verrecken lassen; er hat ihn verraten.

Das ganze ist kein Fall von „perverser Lust“, weil es kein Fall von Lust ist. Der Fall über den geredet wird, hat nicht in der Fallstruktur stattgefunden, wie über ihn geredet wird. Schön gruselig mag es sich für das Pressepublikum anfühlen, wenn sie das unglaubliche glaubhaft zubereitet vorgesetzt bekommen und sich darüber nach Herzenslust das Maul zerreißen. Doch sprechen sie dann durch ihre eigene Perversion und keineswegs von einer des Opfers. Der Lustgehalt einer solchen öffentlichen Wirklichkeitsverwurstung ist die Erkenntnischancen über die Möglichkeiten des Menschlichen, die er kostet, allerdings nicht wert.

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Zuletzt geändert am 17. Februar 2005.
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