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„Und das Ende allen Erkundens wird sein,
daß wir ankommen, wo wir aufbrachen.
Und diesen Ort zum ersten Mal erkennen.“
(aus: T.S. Eliot, Vier Quartette)
 
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Essays

„Sexuelle Vorlieben und Selbstfindung“

Ein Vortrag von SMash-Teammitglied Vera auf der „Fachnacht der Geschlechter“ 1999 — Fortbildungsveranstaltung des Hessischen Jugendrings für Teamer und Multiplikatoren in der Jugendarbeit.

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Kapitelübersicht:

•Einleitung
•Die Masochistin
•Die Feministin
•Der Konflikt
•Symbiose
•Die SM-Szene
•SSC
•SM und Beratung?
•Wohin geht die Reise?


Einleitung

„Sprich von dir selbst“, das ist eine der Grundregeln, die wir uns in unseren Gesprächsrunden über Sexualität gegeben haben. Ich will auch versuchen sie in diesem Text zu befolgen, obwohl ich später auch noch einige allgemeine Dinge schreiben und zur Diskussion stellen werde.

Zunächst muß ich von einem Konflikt erzählen. Es war ein heftiger Konflikt, und ich habe allerhand Energie einsetzen müssen, um ihn zu führen. Ich hatte ihn mit mir selbst, und er ist im Titel des Textes schon angedeutet. Es stritten: die Feministin und die Masochistin.

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Die Masochistin

Da hatte ich einerseits Phantasien und Wünsche, auch einiges an spielerischen, durchaus sehr aufregenden Erfahrungen, die nicht so recht in mein eigenes Bilderbuch der weiblich-sanften, zarten rosa Verschmelzungserotik paßten. Klar, Kuscheln und Schmusen, Küssen und Kraulen, Vögeln und Verwöhnen waren tolle Sachen, aber es gab noch mehr, das mich anmachte. Da gab es eine Szene, wo ich mich — ich war ungefähr 17 — von meinem Freund mit Krawatten und Bademantelgürteln fesseln ließ, hochspannend, ja — und dann wußten wir nicht weiter. Ein bißchen peinlich berührt hörten wir auf und er band mich los.

Und dann gab es da die Experimente mit Eiswürfeln, die uns halfen, allzugroße Hitze die wir erzeugt hatten, wieder abzukühlen, und ein wieder späterer Freund besorgte bei einem gemeinsamen Besuch im Baumarkt Stöckchen, die als Sitzstangen für meine Wellensittiche nicht so recht geeignet waren, und er bestand trotzdem darauf, sie zu kaufen. Als ich den Blick sah, mit dem er mir die Begründung verweigerte, wurde mir weich in den Knien, und ich konnte es kaum erwarten heimzukommen. Wir verhauten uns gegenseitig sehr lustvoll die Kehrseiten, und ich offenbarte ihm auch gleich noch eine Vorliebe für Klammern, simple Wäscheklammern, eine Idee die er ohne zu zögern aufgriff. Überhaupt liefert der Baumarkt so allerhand Utensilien, die sich aufs lust- und schmerzhafteste zweckentfremden lassen; man muß nicht für teures Geld schlechte Sexspielzeuge in den Spezialläden mit Perversenzuschlag kaufen.

Tja, das war also die Masochistin, deren Phantasie Vergewaltigungs-, Bordell- und Strafszenarien lieferte. Wenn ich mit mir allein war, aber auch in Rollenspielen mit den Partnern die ich hatte bzw. habe, waren es diese Phantasien, die mich in Fahrt brachten und zu prachtvollen befriedigenden Orgasmen führten.

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Die Feministin

Soweit alles bestens, nur war da auch noch die Feministin. Als Mädchen hatte ich sie beide nicht so genannt, da hing ich bei der Selbstbefriedigung halt meinen Phantasien nach, und da wußte ich in der Schule sehr genau, daß der Junge, der findet, daß Frauen ins Haus gehören, und daß er keine Frau als Vorgesetzte akzeptieren würde, dummes Zeug redet. Ich wußte, daß allein ich es sein will, die entscheidet, wie sie ihr Leben lebt. Ich wußte, daß ich weder dümmer noch schwächer noch weniger wert bin als ein Junge, und ich ließ keine Gelegenheit aus, mich mit jenem Jungen zu streiten. Erst später habe ich erfahren, daß eine solche Einstellung, die gleichen Wert für Frauen wie für Männer behauptet und darum gleiche Chancen auf allen Gebieten fordert, feministisch ist. Und erst später habe ich erfahren, daß diese Lust am Gefesselt- und Ausgeliefertsein, die Lust am Schmerz und an intensiven Erlebnissen, deren Umsetzung ein großes Vertrauen zwischen den Partnern voraussetzt, S/M ist.

Allerdings, die Feministin in mir, die gegen die Herrschaft der Männer über die Frauen kämpft, die Feministin, die gegen Gewalt und Unterdrückung ist, diese Feministin hatte natürlich allerhand einzuwenden gegen meine Sexspiele und gegen meine Phantasien. Der Sex sollte bitte anständig sein und so ablaufen, wie sich das gehört, ohne so bedenkliche und peinliche Erscheinungen. Das sollte aufhören, mit diesen Schweinereien. Sex und Erotik sollte zärtlich sein, und darin bestehen, daß auf die richtige Weise der Körper an den richtigen Stellen stimuliert wird, gleichberechtigt, eigentlich war auch die Vierfüßlerstellung zum Vögeln schon eine erniedrigende Zumutung, und eine Zumutung war auch die Tatsache, daß ich das Vögeln dann scharf fand, wenn es kräftig und ja nicht zu behutsam stattfand.

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Der Konflikt

Doch die Masochistin wehrte sich. Zur Selbstbefriedigung lieferte sie mir Bilder und Phantasien, die die Feministin entschieden verbot: diese Schweinereien kommen mir nicht auf die innere Leinwand! Tja, dann war die Masochistin eben auch nicht scharf. Regelmäßig schlief ich ein, wenn ich versuchte, mich selbst zu befriedigen und die dazugehörigen S/M-Phantasien verscheuchte. Ich verscheuchte damit auch die Lust. Schlimmer noch, ich wurde traurig und depressiv. Es war, als würde ich Gaspedal und Bremse gleichzeitig durchdrücken. Mir fehlten auch Energie und Lust für alle anderen Dinge. Zu dem moralischen Problem kam die Angst, wenn ich diesen Gelüsten den Zügel schießen ließ, abzustumpfen und in eine Spirale zu geraten von immer-schneller-immer-Schlimmeres-mit-mir-machen-lassen-wollen. Ich fürchtete, daß etwas in mir mich dazu trieb, mich selbst zu zerstören.

Um es kurz zu machen: Ja, ich habe den Streit beilegen können. Die Feministin und die Masochistin sind beide noch in meiner Brust vereint und haben einander weder vergiftet noch erschlagen. Im Gegenteil, die Masochistin war stark, und die Feministin hat gelernt, daß ich genau diese Kraft brauche, um eine selbstbewußte Frau zu sein. Die Feministin mußte zugeben: Nicht ein fremder böser Gewalttäter, sondern ein Mensch meines Vertrauens quält mich lustvoll nach bestimmten Absprachen und mit meiner ausdrücklichen Einwilligung. Es ist jemand, der mir so nah ist, mich so gern hat, daß er bereit ist, bei mir zu sein und mich zu begleiten, wenn ich mich den gefährlichsten Themen stelle, die es für einen Menschen gibt. Lust, Angst und Tod. Es ist jemand, der bereit ist, mich so kennenzulernen, wie ich selbst mich noch nicht kenne, nicht zu kennen wage. Denn darum geht es bei diesen S/M-Inszenierungen: ich stelle mich der Frage von Herrschaft und Unterwerfung in einem sehr persönlichen und intimen Szenario.

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Indem ich meiner Lust folge, stoße ich auf die Themen, die für mich als Person hochbrisant sind, ohne zunächst zu wissen, warum sie es sind. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als mich auf sie einzulassen, wenn ich meine Lust in ihrem ganzen Potential ausschöpfen will. Da ist in mir der Wunsch nach Auflösung, noch Loslassen aller gedanklichen vernünftigen Erklärungen und Vorstellungen von mir. Der Wunsch nach Loslassen aller Kontrolle. Der Wunsch, ganz besessen zu werden, auch, den anderen ganz zu besitzen und die Grenzen zwischen meinem und dem begehrten anderen Körper aufzulösen.

Gefesseltsein über einige Zeit hinweg kann in einen meditativen, tranceartigen Zustand hineinführen, in dem sich das wache Alltags-Ich verabschiedet. Die Erfahrung mich einer anderen Person auszuliefern, die mir Schmerz und Unterwerfung zufügt, bringt mich in Situationen, in denen ich meinen eigenen Ängsten begegne. Ich begegne diesen heimlichen Ängsten, indem sie mir von außen entgegenkommen: ein schwer greifbarer innerer Schmerz, eine nicht zu lokalisierende Angst werden in der sexuellen Begegnung zu einem körperlichen Schmerz und zu einem konkreten Anlaß, vor dem Ungewissen, das mein Partner mit mir vorhat, Angst zu haben. So entstehen Situationen, in denen ich mir selbst begegne als derjenigen, die an der Grenze ihrer Kräfte ist.

Erstaunlich zu erfahren, wo diese Grenzen liegen. Erstaunlich zu erfahren, wie diese Grenzen sich anfühlen, und wie ich selbst reagiere, wenn ich in der Nähe dieser Grenzen bin. Und ich reagiere anders, als ich es für vernünftig halte, auch vielleicht anders als ich mich selbst eingeschätzt hatte. Ich begegne Teilen von mir, von deren Existenz ich nichts gewußt, bestenfalls geahnt habe. Ich begegne Figuren in mir selbst, die ein Teil von mir sind und die mir zugleich fremd erscheinen. Da ist ein kleines Mädchen, schutzbedürftig und kreativ und neugierig, da ist eine Schlampe, herausfordernd und unersättlich, da ist eine Verletzte, die nicht weiß, woher ihre Wunden rühren, da ist eine Harte, die unerbittlich den Schmerz eines anderen genießt, da ist eine Stolze, die eher sterben als sich unterwerfen und ihre Unnahbarkeit aufgeben würde, da ist eine Unterwürfige, über die ich noch nicht viel weiß außer der Tatsache ihrer Existenz. Und noch einige mehr.

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S/M kann aber auch bedeuten: ich verliere mich. Ich begegne dem, wovor ich mich fürchte, und zu dem hin es doch auch eine Verführung gibt: die Auflösung meiner Selbst, eine Vorform des Todes, des nicht-mehr-Seins, zumindest des nicht-mehr-bewußt-Seins.

Ausgeliefert, bin ich konkret mit der Tatsache konfrontiert, daß mein Körper verletzbar ist, und daß ich sterblich bin. Zugleich erfahre ich aber auch, daß ich stark bin, daß ich Lust wie Schmerz aushalte, in viel größerem Maße, als ich zuvor gedacht hatte. Und ich erfahre, daß mein Liebster bei mir ist und sehr genau wahrnimmt, wie es mir geht. Selten ist die Situation gekippt und dann hat er jedesmal sofort gemerkt, daß ich jetzt eine liebevolle, beruhigende Umarmung brauche, um behutsam wieder auf den Boden und zu mir zu kommen.

Ich stand also vor dem Problem, mit mir selbst, mit den Figuren auf meiner inneren Bühne meinen Frieden zu machen. Will ich als Frau ein Leben in Freiheit leben, ohne mich zu unterwerfen, ohne der Gewalt und der Herrschaft anderer begegnen zu müssen, so muß ich doch den Gewalten in mir selbst begegnen. Die gesellschaftlichen Themen, die mich als Feministin beschäftigen, sind zugleich solche, denen ich in mir selbst begegne. Und nur dann habe ich angemessene Antworten auf die Konflikte, die ich beim Betrachten einer patriarchalischen Gesellschaft analysiere, wenn ich die Konflikte in mir selbst erkannt und ausgetragen habe. Dafür, daß Menschen friedlich miteinander leben, kann ich nur kämpfen, wenn ich mit mir selbst friedlich lebe. Intoleranz ist auch, an anderen das zu sehen und zu bekämpfen, was man an sich selbst nicht sehen will und nicht ausstehen kann. Um selbst tolerant sein zu können, muß ich mich erst mal selbst akzeptieren lernen.

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Symbiose

Die Auseinandersetzung mit diesem Gespenst meiner Sexualität, diesem Gespenst, das ich am liebsten in die dunkelste Kammer eingesperrt hatte, hat mich weitergebracht. Mir scheint, daß ich daran gewachsen bin. Vor einigen Jahren hätte ich mich sicher nicht getraut, öffentlich oder auch nur im Kreis von Freundinnen oder Bekannten darüber zu reden. Ich hatte Angst, wenn meine Neigung bekannt würde, könnte ich leicht Opfer von Männern werden, die mich quälen und vergewaltigen, mit der zynischen Begründung, ich brauchte das ja so.

Bis mir als guter alter Feministin klar wurde, daß ich mich durch Verstecken und Schweigen nicht schützen kann. Jede Frau kann das Opfer einer Vergewaltigung werden. Den besten Schutz davor habe ich, wenn ich mich selbst gut kenne, wenn ich auf meine inneren Stimmen höre, die mich warnen in Situationen, die mir nicht geheuer sind. Schützen kann ich mich, wenn ich selbstbewußt genug bin, mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln meinen Grenzen zu verteidigen. Meine inneren Stimmen, meine Grenzen, meine Kräfte — ich habe sie, auch durch das Beschäftigen mit meiner Sexualität, besser kennengelernt. Das Zulassen und Akzeptieren meiner Sexualität, so habe ich verstanden, ist eine Voraussetzung dafür, selbstbewußt zu sein, und selbstbewußte Personen haben es häufig leichter, sich gegenüber Angriffen zu behaupten. Zur Lust an der Unterwerfung zu stehen führt zu einem paradoxen Resultat: ich bin selbstbewußter geworden, nicht unterwürfiger. Die Masochistin war es, die der Feministin den Weg zur Emanzipation gezeigt hat.

Auch an die Angst, wegen meiner S/M-Neigung von Freunden oder Bekannten abgelehnt zu werden, muß ich keine Energien mehr veschwenden. Ich habe es draufankommen lassen, und niemand hat sich von mir abgewandt.

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Die SM-Szene

Daß ich meinen Weg so weit gehen konnte, verdanke ich nicht zuletzt auch der S/M-Szene, einer Subkultur von Menschen, die, mit welchen erotischen Vorlieben auch immer, abweichen vom Mainstream-Sex. Um möglichst dicht an dem Prinzip zu bleiben, daß ich von mir rede, erzähle ich von der Gruppe SMash, die hier in Frankfurt existiert.

Neben einem offenen Treff in einer Kneipe gibt es vor allem einen Gesprächskreis, in dem wir über von uns gemeinsam bestimmte Themen sprechen. Es kann um sexuelle Phantasien, Wünsche, Ängste, Handlungen gehen, um Beziehungs- und Coming-Out-Fragen, es kann ins Philosophische gehen oder ins Künstlerische. Um den geschützten Rahmen des intimen Gesprächs zu wahren, gibt es Gesprächsregeln, die an denen von Selbsthilfegruppen orientiert sind. Eine davon erwähnte ich, die Ich-Regel, rede nur von dir selbst. Eine andere ist, Gefühle anderer nicht zu kritisieren. Es kann dabei durchaus kontrovers geredet werden. Wer Schwierigkeiten mit den Äußerungen anderer hat, sollte genau diese Schwierigkeiten thematisieren, in Ich-Sätzen.

Es dürfte auch schon klar geworden sein, daß es recht strenge Maßstäbe gibt, welche Art von Verhalten in dieser Subkultur akzeptabel ist. Dazu, gehört, daß in einer Situation, in der zwei miteinander anbandeln, der Aktive Teil die Verantwortung dafür trägt, die Zustimmung des Passiven einzuholen. Wer mit jemand anderem etwas tut, muß sich sicher sein, daß der/die andere dies auch will. Wir haben uns eine Kultur des Aushandelns geschaffen: Personen, die sich mögen und aufeinander einlassen wollen, haben die Möglichkeit einander zu erzählen, was sie sich wünschen, was sie ausschließen wollen, welche körperlichen Besonderheiten (z.B. Asthma, Herzfehler oder was auch immer) Risiken mit sich bringen. Auch Codewörter gehören zu dieser Verhandlungskultur. Codewörter werden vereinbart, um eine nicht mehr tragbare SM-Situation zu beenden oder zu variieren.

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SSC

Ein Slogan faßt den Verhaltenskodex zusammen, und die Tatsache, daß es einen Ruf zu gewinnen, aber auch zu verlieren gibt in dieser Szene, sorgt weitgehend für seine Einhaltung. Der Slogan lautet: »Safe, sane, consensual«, übersetzt etwa „sicher, vernünftig, einvernehmlich“, abgekürzt „SSC“.

»Safe« bezieht sich auf Fragen körperlicher Sicherheit. Alles was passiert, muß die physische Gesundheit beider Partner im Auge behalten und auf die Minimierung von Risiken zielen. Dazu zählen die Vorschriften der HIV-Vorbeugung ebenso wie die Verwendung von tauglichen, haltbaren Hilfsmitteln oder beispielsweise die Kenntnisse darüber, wie man richtig fesselt, ohne Nerven einzuklemmen oder wohin man jemanden gefahrlos schlagen kann. Der Hintern ist okay, die Nieren sind ein absolutes Tabu.

»Sane« steht für die Beachtung der Erfordernisse psychischer Gesundheit. Wenn ich weiß, daß mein Partner eine Phobie vor engen Räumen hat, werde ich ihn nicht fesseln. Wenn es zu dem kommt, was wir einen Absturz nennen, wenn die SM-Situation plötzlich unerträglich wird und einen für einen der Beteiligten unerträglichen Ernst bekommt, gilt es, sich umsichtig, liebevoll und einfühlsam um den/die in Panik Geratene/n zu kümmern. Ungewollte körperliche oder seelisch-emotionale Folgen sind von beiden Beteiligten zu tragen, dazu gehört also das ggf. nötige Begleiten zu ÄrztInnen oder TherapeutInnen, im schlimmsten Fall. Jemanden, der einen ungewollten Schaden erlitten hat, läßt man nicht allein damit. Um Schaden aller Art aber möglichst zu vermeiden, reden wir miteinander, machen Sicherheitsworkshops, und es existieren Sicherheitshandbücher, die wir jedem sehr empfehlen, zu lesen und zu beherzigen.

»Consensual« steht für die oben schon erwähnte Einvernehmlichkeit, die unbedingte Voraussetzung für jede sexuelle Begegnung zu sein hat. „Consensual“ bedeutet, daß die Beteiligten „gleichen Sinnes“ sind. Sie wollen das beide, was sie da tun, sie wollen es zumindest ausprobieren, um zu entscheiden, ob sie es mögen. Im bedenklichen Graubereich ist das Paar, dessen einer Teil sich auf SM-Sex einläßt den er nicht möchte, aus Angst die Beziehung aufs Spiel zu setzen.

Soviel zu den Regeln in unserer Szene.

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SM und Beratung?

Doch warum erzähle ich das hier? Ich räume einen gewissen Exhibitionismus ein, es macht mir Spaß — und das tat es schon immer — über Sex zu reden, aber ich rede hier nicht nur zu meinem Vergnügen, sondern auch, weil ich denke, daß es nötig ist, daß wir S/M-Leute sichtbar werden jenseits der Medienklischees. Im Großen und Ganzen sind wir so liebevoll, zärtlich und nachdenklich oder auch bemackt wie alle anderen auch; und: wir kümmern uns um die Risiken unserer Liebensweise.

Zudem richte ich mich auch an die Menschen, die Bildungsarbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen machen. Ich habe zwei Botschaften: habt Mut und Vertrauen, eure eigenen Bedürfnisse zu erkunden, es lohnt sich. Und: seid tolerant mit den Bedürfnissen, die andere haben und die Ihr vielleicht nicht so recht verstehen könnt.

Ich denke, ich trete niemandem zu nahe, wenn ich erzähle, daß ich in der SM-Szene eine bestimmte Geschichte schon sehr häufig erzählt bekommen habe. In ihren Grundzügen lautet sie so: „Ich bin zwischen dreißig und vierzig, mit meiner Lebensgefährtin/meinem Lebensgefährten kann ich meine sexuellen Wünsche nicht leben. Ich weiß davon, seit ich ein Kind bin oder seit der Pubertät, ich habe ein paar heimliche Erfahrungen gemacht und ich habe immer gedacht, ich könnte „das“ verdrängen und vergessen. Aber es geht nicht, es kommt immer wieder, und es beschäftigt mich sehr. Wir haben Kinder zusammen, wir haben uns ein Eigenheim oder eine gemeinsame Zukunft gebaut, uns jetzt zu trennen, wäre sehr schlimm.“ Wie gesagt eine häufig geschilderte Situation. Das Kind ist bereits in den Brunnen gefallen. Ich kann nicht sehr gut beraten, wenn mir jemand diese Geschichte erzählt. Ich erzähle dann, wie ich lebe, aber für andere Leute ist das nur bedingt hilfreich.

Inzwischen weiß ich, daß ich in einer ziemlich privilegierten Position bin, denn ich hatte immer Beziehungspartner, die genauso neugierig waren wie ich und die sich auf meine Wünsche einließen und offen ihre Wünsche äußerten. Ich könnte mir nicht wieder vorstellen, mit einem Menschen zu leben, der meine sexuellen Vorlieben oder einen anderen Teil von mir ablehnt und mich nicht so nimmt wie ich bin. Das mag wie ein banaler Satz klingen, doch nach jenen vielen so traurig ähnlich klingenden Geschichten, die ich bisher von Leuten gehört habe, die neu in die Gruppe kommen, ist er alles andere als banal. Und das ist der Grund, warum ich davon rede.

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Wohin geht die Reise?

Darum wünsche ich mir junge Frauen und Männer, ja schon Jugendliche, die ermutigt werden, ihre eigene Sexualität zu erkunden und zu erproben. Ich wünsche mir junge Menschen, die schon früh selbstbewußt genug sind zu wissen, daß jemand, der ihnen von Liebe spricht, sie so akzeptieren sollte wie sie sind.

Eine der Regeln in der SM-Szene ist, daß mit Nicht-Konsensfähigen keine sexuellen Beziehungen aufgenommen werden. Kinder oder Jugendliche sind als Sexpartner tabu. Es wäre aber heuchlerisch, auf die Gesetze schielend, diesen unseren Beistand bei ihrer Selbstfindung zu versagen, eine Selbstfindung, die durchaus schon im Alter unter 18 Jahren stattfindet.

Mein eigenes sexuell aktives Leben mit gleichaltrigen oder etwas älteren Jungen begann mit 14, und auch wenn ich enthaltsam gelebt hatte, meine Phantasien haben sich nicht an das gesetzliche Mindestalter gehalten. Wer als Pubertierende/r weiß, daß er oder sie sexuell nicht normgerechte Wünsche hat, fühlt sich noch leichter einsam, verunsichert und isoliert, als Jugendliche und junge Menschen das eh schon häufig tun.

Pädagoginnen, GruppenleiterInnen, Menschen, die in der Bildungsarbeit oder im Beratungs- und Therapiebereich beschäftigt sind und die als Vertrauenspersonen in sexuellen Fragen fungieren, können dann eine akzeptierende und ermutigende Haltung einnehmen, wenn sie über diese S/M-Thematik gut informiert sind. Was schon vielen Erwachsenen schwerfällt, und was auch mir bis vor wenigen Jahren schwerfiel, nämlich zu sich selbst zu stehen, zuallerallermindest vor dem oder der Liebsten, das ist für Jugendliche, die sich auf sehr vielen Gebieten erst orientieren müssen, noch schwieriger.

Für Schwule und Lesben ist dieses Thema der Selbstakzeptanz, des »Coming-Out« langsam öffentlich akzeptiert. Sie werden, ebenso wie Transsexuelle, zu Informationsveranstaltungen an progressiven Schulen eingeladen — an uns S/M-Leute traut man sich nicht heran. Obwohl in den Massenmedien S/M mit allen Klischees und wenig Differenzierungen immer wieder Thema ist, glaube ich nicht, daß wirklich Toleranz eingekehrt ist in diesem Lande. Wir werden geduldet, und das kann sich — meiner Meinung nach — jederzeit ändern. Erst wenn es beispielsweise unumstritten ist, daß es für Jugendliche die Möglichkeit gibt, sich über Sadomasochismus wie über alle Formen erotischen Lebens und Empfindens zu informieren, und erst wenn sie ihre Selbstfindung in einer akzeptierenden, toleranten Umgebung bewältigen können, erst dann sind wir einen Schritt weiter.

 eMail an die Autorin.

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Zuletzt geändert am 16. Februar 2005.
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