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Buchkritik

Hanjo Lehmann: „Die Truhen des Arcimboldo“

Roman, 1995
Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin.
Voraussichtliches Erscheinungsdatum: August 2004
ISBN: 3746620473, 698 Seiten, € 6,00.

Rezension von SMash-Autorin Sandra

 
Häretische wie erotische Schätzchen sind es, die sich in den „Truhen des Arcimboldo“ verstecken — und die mich diesen historischen Roman von Hanjo Lehmann derzeit jedem, der eine Buchempfehlung hören will oder auch nicht, empfehlen lassen.

Der Autor wird Figur und rahmt die Handlung: Er ist es, dem im Jahre 1993 die Tagebücher des Heinrich Wilhelm Lehmann in die Hände fallen. Fälschlicherweise hielt man Hanjo für einen Nachkommen Heinrichs — aber welch Glück für den werten Leser, daß ihm durch diesen Zufall nun die Inhalte der Tagebücher offenbar werden!

Heinrich Wilhelm Lehmann ist Ingenieur im Dienst der Berlin-Anhaltischen Eisenbahngesellschaft. Im Jahre 1868 tritt er mit dem Vatikan in Verhandlungen über den Bau einer Eisenbahnstrecke durch die Zentralschweiz und macht bei seiner ersten Dienstreise nach Rom Bekanntschaft mit Luigi Calandrelli, der 20 Jahre zuvor bei der Schweizer Garde diente und sich als außergewöhnlich begabter Schlosser im Vatikan einen Ruf verdient.

Während seines Dienstes im Vatikan im Jahre 1848 wird Luigi Opfer einer Intrige und bei Reparaturarbeiten in einem der tiefsten und geheimsten Kellergewölben des Vatikans verschüttet. Zwischen Überlebenswillen und Lethargie taumelnd, entdeckt er eine geheime Kammer und eine geheimnisvolle Truhe. Sie enthält Pergamente mit äußerst brisantem Inhalt, die ein neues, ein anderes Evangelium erzählen, und vom Vatikan seit über 700 Jahren unter Verschluss gehalten werden.

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Luigi hält all dies in einem Tagebuch fest, das er kurz vor seinem Tode Heinrich überläßt. Dieser sieht sich erschrocken mit der Aktualität des Gelesenen konfrontiert: Im Jahre 1869 findet das Erste Vatikanische Konzil statt, bei dem unter Pius IX. die Unfehlbarkeit des Papstes verkündet werden soll — eine politische Taktik der angegriffenen Institution, um sich auch weiterhin Glaubwürdigkeit und Einfluß zu bewahren. Die von Luigi entdeckten Pergamente stellen jedoch jegliche Machtansprüche der Kirche und des Papstes in Frage. Und nun muß Heinrich entscheiden, ob er die Unfehlbarkeitsentscheidung verhindern soll und wie sein Wissen am besten eingesetzt werden kann.

Soviel zu vatikanischen Verschwörungen — wo bleibt jedoch der Sex? Oh, den gibt es reichlich! Und um genau zu sein: Es ist SM in Reinform! Da ist zum einen Luisa, eine Nonne, die Luigi bei seinen beiden Krankenhausaufenthalten pflegt. Er ist so sehr von ihrer erotischen Ausstrahlung hingerissen, daß sie sich schließlich dazu hingerissen fühlt, ihm nur noch an ihr Bett gefesselt und mit der Reitpeitsche Einhalt gebieten zu können. Und zum anderen ist da Francesca, die sich gemeinsam mit Heinrich von Luigis Tagebuch inspirieren läßt. Zwar bewegen sich die SM-Szenen in diesem Roman des öfteren an der Grenze der Einvernehmlichkeit, an Lustgewinn und Wachstum werden jedoch keine Zweifel gelassen. Und es würde sich wohl eher erheiternd als erregend ausnehmen, würde Luigi mit Luisa zunächst in Klausur gehen, um die notwendigen Absprachen für eine SM-Session vorzunehmen.

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Rezensionen kritisieren an diesem Roman besonders zwei Punkte. Zum einen, daß er die Chance nicht nutze, durch Veröffentlichung der Dokumente im Roman einen anderen Verlauf als den tatsächlich historischen zu imaginieren und sich so phantasievoll an Skandalen, Intrigen und Kontroversen auszutoben, also Antworten auf die Frage zu finden: Hätte die Institution Kirche eine solche Erschütterung verkraften und überleben können? Zum anderen wird dem Roman angekreidet, daß die Schilderung sadomasochistischer Liebesabenteuer gar zu viel Platz einnehme. Letzteres macht den Roman jedoch für mich endgültig zum ausgesprochen empfehlenswerten Buchtip!

Zwar ist die Romanhandlung ein wenig kompliziert verstrickt und verschachtelt angelegt — mit verschiedenen Ebenen, Erzählern und Erzählzeiten muss der Leser jonglieren. Zudem wechseln sich Heinrichs und Luigis Tagebucheinträge ab, so daß es immer wieder 20 Jahre in der Zeit zu springen gilt. Dies steigert jedoch in meinen Augen Spannung und Lesetempo, da der Leser — von beiden Handlungssträngen gepackt — am liebsten auch beide Handlungsstränge zugleich weiterverfolgen würde.

Zwischen den Tagebucheinträgen in großer Zahl eingefügte zeitgenössische Zeitungsartikel können den historischen Kontext erläutern, werden jedoch mit der Zeit etwas ermüdend. Auch erscheint so manches etwas unglaubwürdig (Heinrich und Luigi müssen z.B. ein gleichermaßen geniales Gedächtnis besitzen, wenn sogar Rekonstruktionen rekonstruiert werden). Aber das Verwirrspiel mit Fiktion und historischen Tatsachen gelingt dem Autor sehr überzeugend. „Die Truhen des Arcimboldo“ ist ein schlau konstruierter Roman, den man so schnell nicht mehr aus der Hand legen kann. Und der interessant und in ansprechender und nachvollziehbarer Weise über Schmerz und Lust, Macht und Ekstase philosophiert.

Erstmals 1995 erschienen, wird der Roman voraussichtlich im August 2004 als Sonderauflage für fabelhafte 6,- EUR im Aufbau Taschenbuch Verlag erscheinen. Grund genug für mich, diesen 700-Seiten-Schmöker zum Buchtip zu erklären: Für einen entspannten Spätsommer nach einer langen und aufregenden CSD-Saison!

 eMail an Sandra.

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Zuletzt geändert am 28. November 2004.
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